Schlammpeitziger

Ein Weltleck in der Echokammer (VÖ 25.09.2020)

Schlammpeitziger ist die Kunstfigur des Musikers, Zeichners und Performancekünstlers Jo Zimmermann. Bereits seit 1992 prägt er mit seinem surrealistischen Lo-Fi Krautronica und zahlreichen Veröffentlichungen bei A-Musik, Pingipung und Sonig den Sound of Cologne entscheidend mit.

"Ein Weltleck in der Echokammer" ist bereits das zehnte Schlammpeitziger Werk und zugleich das zweite Album, das beim Hamburger Label Bureau B erscheint, doch schon nach wenigen Sekunden im Eröffnungs- und Titeltrack "Weltleck" wird klar, dass Jo Zimmermann mit allem anderen als einer routinierten oder erwartbaren Platte aufwartet. Der eigenwillige Art-Electro-Sound von Schlammpeitziger trifft auf außerweltliche Dub-Echoschleifen. Eine Entwicklung, die ebenso überraschend als auch naheliegend scheint. Jo Zimmermann über den neuen Schlammpeitziger-Sound: "Eine gute Freundin von mir, Reggae-Expertin Bettina Lattak sagte schon seit Jahren: Deine Musik hat Dub- und Reggae-Einflüsse. Ich selbst hab's selber nie so wahrgenommen, es hat aber beim einfügen in meine Musik sofort funktioniert. Für mich sehr interessant, ganz frei von allen religiösen Kontexten, allein dem Klang nach". Doch auf den acht sonnendurchfluteten Stücken finden sich nicht nur Dub-Rhythmen; auch Disco-Beats, betörend tiefliegende Bässe und die verträumten, schwurbelnden Melodiebögen, für die man Schlammpeitziger so liebt, die einen weit ins All hinaus tragen und wieder auf den Tanzboden der Tatsachen zurückholen.

Auf drei Tracks erklingt Jo Zimmermann erstmals auch als Sänger und übersetzt die Verspieltheit und Kuriosität der Musik in eine ebensolche eigentümliche Sprache, die den entrückten Kosmos verbal erweitert. So erwartet einen in „Handicapfalter“ die lichtdurchflutete Welt außerhalb der Echokammer wie ein Steeldrum-Absurdistan von Kraftwerks „Spiegelsaal“ während „Every Dayhey“ wie ein schwereloser, von sanfter Melancholie verhangener Sonntagsregenwetterdub an den Morgen nach einer viel zu langen Nacht erinnert. Gemischt wurde das Album wie auch der Vorgänger von dem Kölner Produzenten Stefan Mohr. Untrennbar verwoben mit der Musik von Schlammpeitziger ist zudem die optische Umsetzung von Cover und Videos, die einmal mehr von Zimmermann und seiner kongenialen Kollegin Ulrike Göken verwirklicht wurde. "Ein Weltleck in der Echokammer" ist ein Album, das Antworten auf Fragen liefert, die niemand zu stellen vermag. Ob verfangen in der Tanzfußfalle, in rappelvoller Leere untergangen oder durch das Weltleck hinaus den Weltraum gesogen – das kann wirklich nur der Schlammpeitziger.

- Andreas Dorau