ICH MÖCHTE AUF DEINEM PLATTENTELLER LIEGEN (1992 - 1988) - 26. September 2025

In seinem wundervollen ersten Roman, der Autofiktion Risiko des Ruhms, 'erinnert' sich Rocko Schamoni an Aufstieg und Fall der sogenannten Hamburger Schule, die er angeblich aus einem Musikerstammtisch heraus als Verein samt Satzung und Kleiderordnung mitbegründete. "Wir wählten fünf Bands aus, die über einen 7-Jahres- Plan aufgebaut werden sollten, um zu den Hauptstützen unserer Basilika zu werden. Vor allem sollten sie uns finanzielle Unabhängigkeit bringen. Jede dieser Bands hatte einen emotionalen Dienstleistungsbereich beim Konsumenten abzudecken. Knarf Rellöms Monkeymen erledigten das Intellektuell-Fröhliche."


Auch wenn die zur Showbiz-Nostalgie überdrehte Episode sehr frei mit Fakten und Personal spielt, ist die Kategorie "intellektuell-fröhlich" für die fiktionalen Monkeymen, also Knarfs damalige Band Huah!, ganz gut getroffen, weil beides – vor allem in Popmusik – eher selten gemeinsam auftritt. Aber zurückgesprungen und die Geschichte von vorne erzählt: die Rede ist von Huah! und wir beginnen irgendwann in den 1980ern. Knarf Rellöm und Sonny Motor setzen zusammen aus der schleswig-holsteinischen Provinz nach Hamburg über, gründen mit Nixe, Bernadette La Hengst und Claudia Bollig die Band Huah! und veröffentlichen 1990 und 1992 zwei Alben bei L'Age D'Or. Wie diese bei Erscheinen gewirkt haben mögen, ist mit 35 Jahren Abstand kaum nachzuvollziehen, zumal sie auch rückblickend aus der Zeit gefallen wirken und nicht an gängige 80s-Strömungen andocken. Noch im Format der traditionellen Rockband- Besetzung, steht Knarf als Sänger und Songwriter mit je einem Bein in der Vergangenheit und der Zukunft: klassische Rock&Roll- und Beat-Versatzstücke werden verfremdet und genre- untypisch variiert. Was Huah! neben ihrem spleenigen Stil-Eklektizismus zur Ausnahmeband
macht ist ihre Zusammensetzung: in der vornehmlich männerdominierten Szene sind sie das einzige gemischte Kollektiv, das weder reine Jungs-Gang noch Frauenbande ist. In den Texten wird zwischen naiv und radikal hin- und hergesprungen, sich verliebt, agitiert, analysiert – nicht selten im selben Song. Das theoretische Rüstzeug und linke Gewissen sind die gleichen wie bei Weggefährten von z.B. Blumfeld (auf deren "Verstärker"-Single ein Passbild von Knarf das Covermotiv ist) oder den Goldenen Zitronen, nur werden sie anders eingesetzt, unverkrampfter, undidaktisch, spielerischer, tanzbar, nie machohaft – es gibt nicht einen einzigen Moment, wo sich eitle Alpha-Männer-Egos in die Sprechposition drängen, es ist niemals eine „those who know, know“-Kunst, die sich an die Eingeweihten, Besserwissenden richtet, stattdessen tritt das Freudvoll-Smarte an die Stelle des Selbst-Ernstes vieler Zeitgenossen. Huah! sind eine der besten, und obendrein am stärksten wegweisenden Gruppen, deren undogmatisches, dabei doch klar konturiertes Selbstverständnis und spielerisch leichtes Auflösen vermeintlich diametraler Gegensätze eigentlich besser ins unseren aktuellen Moment passt.
Jedes neue Album oder Projekt, das Knarf nach dem Ende von Huah! auf die Beine gestellt hat, schreibt seine große wilde sprunghafte Erzählung weiter. Die Musik wurde minimalistischer und körperlicher, voller Brüche und Kurven, die Texte mal mantra-artig, mal kurzgeschichtenhaft. Sie erzählen von beinahe allem: Musik, Leben, Nazis, Gender, kritische Theorie, Krieg, Aliens, Psychoanalyse – das fehlende Bindeglied zwischen dem späten Adorno und dem jungen Otto. Hier ist einer, der seit nahezu 40 Jahren weder seiner Zeit voraus ist noch ihr hinterherläuft, sondern einer eigenen Zeitrechnung folgt, dabei konsequent seine Vision weiterbewegt und damit ebenso konsequent durch sämtliche Raster fällt.
Zurückzuverfolgen wo die Reise begann und ein weiteres Mal festzustellen, wie unverkrampft z.B. in „Was soll ich mit der Welt“ Lovesong und Revolution einander begegnen, vielleicht sogar einander bedingen (denn was wäre es für eine Revolution ohne Liebe, Freundschaft und Lovesong?!), ist ein magischer Reminder, was in der Hamburger Musikszene der 90er-Jahre neben den usual suspects eigentlich alles möglich war und was dies möglicherweise ins Jetzt hinein möglich macht!
 

Björn Sonnenberg, 2015/2025

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05
Jun

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Huah! - Ohne Titel (Official Music Video)