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Credit: Ketuta Alexi-Meskhishvili


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Kreidler

Booker: Jonas Förster

ENGLISH

 

2014 marks twenty years of KREIDLER. The band has outgrown adolescence, but remains juvenile, reckless, impetuous. They recorded their new album ABC in Tbilisi, Georgia. And there will also be a film – by Heinz Emigholz, who accompanied the last album DEN with film clips.

 

ABC. Like TANK, it's two times three: Six tracks characterized by elliptical shifts, where suddenly the bass and drums take over the helm – or a choir appears.

 

Indeed, a choir. KREIDLER worked together with Georgian singers: Either hovering freely in the meditative pop piece Ceramic, or defining a new space within a space, as in Nino. Nino perhaps most clearly suggests that the album was recorded in Tbilisi, Europe's southeasternmost metropolis, on the former Silk Road at the intersection of East and West.

 

Nino opens the album – a piece made for setting off in a convertible with the top down, moving at the steady pace through the speed-limited traffic zones with the speakers pumping. A female voice takes over for Alphabet and the mood rises. It rocks as only KREIDLER can rock. Then a short pause with Destino, which displays a melancholy longing that leads to abstract No Wave Funk. Modul is similar to Nino, yet even more relentless. And Ceramic is reminiscent of Crepuscule, the Brussels dandy label, but less of a particular song or band, and more of the label itself, which was perhaps the most European of all record labels: Beauty as an argument. Tornado concludes ABC. Tornado may be spelled out like Alphabet, but Kreidler aren't taking any prisoners here.

 

A scruffy smoothness unifies the tracks, which rely less on layers or the shifting of variable patterns, and more on riffs. Yes, riffs. But not hashed out on guitar or bass – Alex Paulick is more the sequencer, the lead sound, or the cloud. It is the synthesizers of Andreas Reihse and Detlef Weinrich that provide the definitive propulsion. And wasn't it the case with the last album DEN that KREIDLER even considered making a record without drums? What a peculiar endeavor. Once again, Thomas Klein's distinctive playing was destined to press the songs further forward, onward, ahead.

 

As always with KREIDLER, ABC is about the exploration of freedoms within a previously determined framework. It is a formulation of convergences, of possibilities within a procedural movement, based on a notion of democracy, with socialism in mind, where one understands that restraint is not merely a strategy of a conceptually inclined band, but that it serves to strengthen the validity, precision and majestic authority of expression.

 

PS: The cover uses photographic works by Thea Djordjadze. The Georgian artist usually works directly within a space, combining sculpture, painting and found objects into ensembles. Many of her photographic work are comparable, arranging diverse elements in a black (or white) box. Her works reflect art and cultural history, refer to Georgian folk art or even Soviet modernity. They often contrast „poor“ and „valuable“ materials or combine raw and designed elements. In 2012 Djordjadze participated in dOCUMENTA (13).


DEUTSCH

 

Wir feiern zwanzig Jahre KREIDLER! Die Band gerade der Pubertät entwachsen, aber immer noch juvenil, draufgängerisch, ungestüm. Sie haben ABC, ihr neues Album, in Tbilisi, Georgien aufgenommen; und es wird einen Film dazugeben, von Heinz Emigholz, der schon das letzte Album DEN mit Videofilmen begleitet hatte.

 

ABC also. Es ist wie bei TANK ein zwei mal drei geworden; sechs Stücke, aufgebrochen durch elliptische Umschwünge, wo plötzlich Bass und Schlagzeug das Ruder übernehmen oder ein Chor ertönt.

 

Tatsächlich, ein Chor. KREIDLER haben mit georgischen Sängern zusammen gearbeitet: entrückt schwebend in dem versponnenen Popstück Ceramic oder bestimmend einen neuen Raum im Raum öffnend, wie in Nino, das vielleicht am Deutlichsten atmet, dass das Album in Tbilisi aufgenommen wurde, Europas südöstlichster Metropole, ehemals an der Seidenstraße gelegen, am Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident.

 

Nino eröffnet das Album, ein Stück, wie gemacht für die einsetzende Cabrio-Session, mit Schritttempo durch den verkehrsberuhigten Bereich und alles rauskitzeln, was die Boxen hergeben. Eine Frauenstimme übernimmt zu Alphabet, die Laune steigt, es rockt, wie eben nur KREIDLER rocken, dann ein kurzes Innehalten mit Destino, ein melancholisches Sehnen das in abstrakten No-Wave-Funk führt und dann Modul, ein ähnliches Brett wie Nino, nur gnadenloser. Ceramic lässt an Crepuscule denken, das Brüsseler Dandylabel, weniger an einen Song oder an eine Band, als vielmehr an das Label an sich, das vielleicht das europäischste aller Plattenlabels war: Schönheit als Argument. Tornado beschliesst ABC. Eine Buchstabiernummer wie Alphabet, aber jetzt werden keine Gefangenen gemacht.

 

Eine räudige Geschmeidigkeit eint die Titel, die weniger auf Schichtungen und sich verschiebenden variablen Pattern aufbauen, sondern auf Riffs, ja, Riffs, aber es ist nicht Alex Paulick, der sie auf Gitarre oder Bass drischt, er gibt eher den Sequenzer, den Leadsound und die Wolke, sondern es sind die Synthesizer von Andreas Reihse und Detlef Weinrich, die die Stücke nach vorne peitschen; und hieß es nicht zum letzten Album DEN, dass KREIDLER darüber nachgedacht hätten, eine Platte ohne Schlagzeug aufzunehmen? – welch rätselhaftes Unterfangen! – denn wie kann Thomas Klein anders, als mitzugehen und die Songs mit seinem unverwechselbaren Spiel weiter nach vorne, vorne, vorne zu treiben.

 

Wie immer bei KREIDLER geht es auch bei ABC um ein Ausloten von Freiheiten in zuvor gesteckten Grenzen. Um ein Formulieren von Annäherungen, von Möglichkeiten in einem prozessualen Bewegen, das das Ideal von Demokratie, Sozialismus im Sinne, gelassen verhandelt; wo man weiß, dass das eigene Sichzurücknehmen nicht nur einem Konzept Band geschuldet ist, sondern auch Gültigkeit, Bestimmtheit und majestätische Autorität des Ausdrucks stärkt.

 

P.S.: Das Cover zeigt fotografische Arbeiten von Thea Djordjadze. Die georgische Künstlerin arbeitet meist direkt in Räume, dabei vereint sie Bildhauerei, Malerei und gefundene Objekte zu Ensembles. Viele ihrerfotografischen Arbeiten sind damit vergleichbar, wobei sie in einer Black (oder White) Box unterschiedlichste Elemente arrangiert. Ihre Arbeiten reflektieren Kunst- und Kulturgeschichte, beziehen georgische Volkskunst oder auch die sowjetische Moderne mit ein, in ihrer Materialität stehen sich „arm“ & „wertvoll“ und roh & gestaltet gegenüber. 2012 war Djordjadze Teilnehmerin der dOCUMENTA (13).