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HEIM

Booker: Marcel Gein

Wir leben in einer dunklen Zeit: einer Zeit, in der Heranwachsende es als das Höchste der Gefühle empfinden, auf irgendwelchen Festivals („Sponsored by Random-Lifestyle-Product“) mit Glitzerzeug im Gesicht zwischen Bier- und Frozen-Yogurt-Ständen durch den Matsch zu springen. Zu irgendeiner Band, die „ganz gut“ sein soll. Meinte zumindest Paul. Und zwischen all diesen Teens und Twens müssen dann Michael Shihrer, Denny Thasler und Florian Bauer stehen. Wobei, nein: Sie positionieren sich vorsichtshalber am Rand, mit verschränkten Armen und eingezogenen Köpfen, weichen Blicken aus und versuchen bloß nicht dazwischen zu geraten.

Es ist schon deprimierend. Dabei ist es doch eine der wenigen Dinosaur-Shows in Deutschland dieses Jahr. Und ja, klar, die hat man dann ja doch auch schon mindestens fünf Mal gesehen und muss man sich die überhaupt noch geben? Und deswegen extra auf dieses Festival fahren?

Ja, vielleicht schon. Denn so wie dort oben nun ein J Mascis sonisch-stoisch seinen wabernden Unsicherheiten Ausdruck verleiht, so machen auch diese drei Randgestalten Musik, und vielleicht kann man auch kaum anders Musik machen, wenn man diesen Spinnern (siehe oben) etwas entgegensetzen will.

Und das wollen auch diese drei Typen, die aus irgendwelchen Käffern in der bayrischen Provinz kommen, und die ihre Band HEIM genannt haben. 2015 haben Mike, Flo und Denny ihre erste selbstbetitelte Platte herausgebracht, straight-beckenschändende Drums, fuzzy, verspielt-bis-heavy Gitarren und ein treibend-harscher Bass.

Denny singt dann auch, ab und zu. Auch auf dem neuen Album, das Palm Beach heißt und im September bei Tapete Records erscheint. Über vieles ist er sich relativ sicher: „Ich glaube alles, was ich sage. Ich bleib‘ genau der, der ich bin.“ (aus dem wunderschönen Opener Nicht mehr da). Über anderes nicht so sicher, da geht es um Schwellen, Splitter und Risse. Mit einer vielbeschworenen Haltung, wie sie zuletzt für junge deutschsprachige Bands zum essenziellen Feature geworden zu sein scheint, müssen sich HEIM gar nicht lange aufhalten: „Das ist alles. Es lohnt sich nicht. Alles bleibt wie es schon immer war.“ (Nächstes Mal)

Trotzdem geht es weiter, zumindest die nächste halbe Stunde, in der die acht Songs auf Palm Beach melancholisch-melodische Gitarrenrockmomente à la – klar – Dinosaur Jr oder Built to Spill entfalten oder mit einer Heavyness alles kaputtreißen, was Bands wie Shellac übriggelassen haben.

In Form gebracht hat das Christian Bethge, der für HEIM prädestinierte unkonventionelle Kreativkopf, der das Album live im Mannheimer RAMA Tonstudio aufgenommen hat. Da knarzt und drückt es wie auf einem Touch-and-Go-Release aus den Neunzigern, da treffen sich Musiker und Produzent, die gemeinsame Vorstellungen von und gemeinsame Lust auf Sound haben: Keine Overdubs, keine Kompromisse.

Herausgekommen ist ein außergewöhnliches Album deutschsprachiger Gitarrenmusik des Jahres 2016. Live werden HEIM laut sein, sehr laut, diese stillen Typen vom Rand. Erahnen lässt sich das, wenn es zum eindringlichsten, traurigsten, krassesten Moment der Platte kommt (Im Keller): „Ein schwacher Mensch, der es verzweifelt versucht. Egal, was noch kommt. Die Ablehnung bleibt.“, schreit Denny da heraus. Auf derart großen Bühnen wie der eingangs erwähnten werden HEIM wohl kaum stattfinden. Und niemand wird sich dazu Glitzerzeug ins Gesicht schmieren. Stattdessen: HEIM. Im Keller. Wir leben in einer düsteren Zeit.

(Philipp Ohnesorge)