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Gut und Irmler

Booker:

 

Dass Jochen Irmler und Gudrun Gut eines Tages das Beste aus zwei Lagern zusammenführen würden, damit war dann doch nicht zu rechnen. Wir hören: den mäandernden, sehnsüchtig-psychedelischen Orgelsound Irmlers, der einer anderen Epoche zu entstammen scheint, und wir hören: die mit Hall belegte, flüsternd-hauchende Stimme Guts, wie sie singt: „Sonnenbrille auf, wir gehen zu den Sternen / Sonnenbrille ab, wir tauchen tief hinein“ (in dem Track „Auf & Ab“).

 

Beider Auffassungen von Musik – die vom Krautrock informierte, epische Bereitschaft zur Ausuferung auf Seiten Irmlers, die strukturierende, dem Techno zugewandte Berliner Disziplin (wenn man es so bedenkt: fast ein Widerspruch!) auf Seiten Guts – amalgamieren auf diesem im Herbst 2013 im Scheerer Faust-Studio aufgenommenen Kollaborationsalbum „500m“ zu gleißender Schönheit.

 

Analog und digital, Stadt und Land, Vergangenheit und Gegenwart, elliptische Melodielinien und lineare Beats ergänzen einander auf kosmische Weise. Gudrun Gut: „Ich hatte Jochen gefragt, ob wir nicht einmal zusammenarbeiten wollen. Er kommt mit Faust und seinen Soloarbeiten aus der Improv-Ecke. Eigentlich ist Improv gar nicht mein Ding. Ich arbeite überhaupt nicht so, ich konstruiere lieber, verfeinere das Aufgenommene am Computer immer weiter, bis es irgendwann sitzt. Aber Jochens Orgelspiel hat mich von Anfang an fasziniert. Er setzt sich an die Orgel und orgelt und orgelt, während ich dazu neige, alles auseinanderzudividieren, zu dekonstruieren und zu collagieren.“

 

Jochen Irmler: „Ich habe Gudrun vor ein paar Jahren, als sie bei uns auf dem Klangbad-Festival aufgetreten ist, gefragt, ob sie nicht einmal mit mir ein Album aufnehmen möchte. Ich verfolge seit mehr als einem Jahrzehnt dieses Konzept, dass ich Elektronik und Perkussion zusammenführen möchte – die meisten Kollaborationen realisierten wir unter Männern. Ich wollte das durchbrechen und bat Gudrun, ob sie nicht meine Orgelimprovisationen komplementieren möchte – bei ihr kam hinzu, dass sie ja gar nicht Schlagzeug spielt, sondern Drums programmiert.“

 

Tatsächlich ist das Aufeinandertreffen dieser zwei Schulen äußerst konstruktiv. Einige Stücke bestehen nur aus Schnipseln und Cut-ups von Irmlers Orgelspiel, sie werden zusammengehalten durch Guts Programming und ihre Stimme. In anderen Tracks spielt die Orgel durch. Interessant ist die Arbeitsteiligkeit: Während der initialen zwei Sessions in Scheer lag die Regie bei Jochen Irmler, während Gut rudimentäre Grammatiken beisteuerte – unterkomplexe Backing Beats, grobe Architekturen, Moods.

 

Erst in ihrem eigenen Studio bei Berlin verfeinerte und dekonstruierte Gut die teilweise bis zu dreißig Minuten langen Originalimprovisationen – die Rollen wurden quasi getauscht, nun war Irmler derjenige, der via Filesharing aus der Ferne zuhörte. Hört man das Album unter dieser Anleitung, ahnt man, wie viel Editing die Tracks im Nachhinein erfahren haben.

 

Wenn zwei so profilierte Musiker wie Jochen Irmler und Gudrun Gut Vertrauen nicht nur behaupten, sondern wie am Beispiel des Arbeitsprozesses geschildert auch im Rahmen einer Co-Produktion ausleben, dann ist das Ergebnis per se relevant, weil es ein Zeitdokument darstellt. Dass es auch noch so unfassbar inspiriert klingt, ist natürlich diesen Koordinaten geschuldet, aber nicht selbstverständlich. Woran mag es gelegen haben? Woher kommt die Magie dieser Aufnahmen? Gudrun Gut: „Mir war während der Produktion in Scheer permanent schwindelig. Ich fragte Jochen, woran dies liegen könne? Er antwortete: Wir sind hier 500 Meter über dem Meeresspiegel.“ Das leuchtete mir schlagartig ein und erklärt zugleich den Albumtitel.

 

(Max Dax, Warschau 2014)