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Friedrich Sunlight

Booker: Carsten Friedrichs

"Friedrich Sunlight" (VÖ 25.11.2016)

„Stell Dir vor es ist Sommer und keiner geht hin“ („Hiddensee“)

Gestern am Pool. Sommer. Es wird Zeit für eine neue Liebe. Friedrich Sunlight schauen spontan vorbei. Stellen die leeren Martinigläser aufs Tablett. Stecken deine zu Ende gespielte Roger-Nichols-Platte zurück in die Hülle. Bauen ihre Instrumente auf: Bass, Gitarre, Klavier, Schlagzeug. Oh, es klingelt – das muss das Streichquartett sein. Die Streicher kamen dann doch nicht. Grund: kein Bedarf. Denn aus dem sonnigen Augsburg machte sich das Quintett im August 2016 ins geschichtsträchtige Studio Nord in Bremen auf, um mit Andy Lewis (Spearmint/Paul Weller Band/John Howard & The Night Mail) als Produzenten das vorliegende Debütalbum aufzunehmen. Und mal ehrlich: Wer braucht bei solch tollen Songs schon Streicher?

Greetings from Augsburg/CA.

Friedrich Sunlight gibt es in dieser Besetzung seit ca. zwei Jahren. Bernd am Piano und Sänger Kenji Kitahama komplettierten die fünfköpfige Popband, die ihre Musik als Gegenentwurf zur lyriklastigen deutschen Diskurspop-Szene versteht: „Wir binden unsere Texte in Melodien ein, statt Gedichte zu vertonen“, heißt es dazu aus Augsburg. Das ist den größtenteils live eingespielten Songs anzuhören: Entwaffnende Arrangement und Ohrwurm-taugliche Melodien treffen auf vielschichtige Harmoniegesänge. Wir haben 100 zufällig ausgewählte Pop-Musik- Aficionados und Pop-Musik-Aficionadorettes befragt: 50 % fühlten sich an eine 2.0 Version der früh 66er Beach Boys erinnert, weitere 42 % an die Zombies (keine Angabe, bzw. uneindeutig: 8 %)

Kenji stammt aus Kalifornien und zog vor acht Jahren der Liebe wegen nach Bayern. Nichts gegen Bayern, aber vom Sunshine State in den Freistaat zu ziehen? Schon a bisserl überspannt. Nicht, dass wir bei Tapete Records was gegen Exzentriker hätten. Das ist im Gegenteil quasi Einstellungsvoraussetzung. Und so wurden wir hellhörig, als Ronny Pinkau, Inhaber des fantastischen Labels Kleine Untergrund Schallplatten (checkt es aus, Kiddos!) uns eine inzwischen vergriffene Vinyl-7“ von Friedrich Sunlight zukommen ließ. Großartig! Als hätten The Association zusammen mit dem jungen Manfred Krug Songs aufgenommen. Aus dem Brill Building als Berater zugeschaltet: Mr. Burt Bacharach. Tapete Records wäre kein POP-Label, wenn nicht sofort gehandelt worden wäre. Und so kamen wir A&M (1416 North LaBrea) zuvor. Friedrich Sunlight ist eine Band, wie es sie kein zweites Mal gibt („Kann ja jeder sagen“, meint der Klugscheißer, aber Klugscheißer mag niemand. Stimme aus dem Off: „Fast niemand!“). Nennt es, wie ihr wollt: Harmony-Pop, Sunshine-Pop, Soft-Rock - aber liebt es!

Und als Bonus: Elegante, gewitzte Texte. Zum Beweis ein Auszug aus dem Song „Melodie“, einer Verneigung vor allen Vorstadt-Stenzen dieser Welt:

„Es tut mir leid, dass ich es sagte
Dass ich so unverhohlen fragte
Erkennen Sie die Melodie?
Und was sagen sie: Fuck off!
Ein Klang, schön wie nie
Wie konkrete Poesie
Wie eine Oper von Russolo, laut und schroff
Nachdem das jetzt geklärt ist, lichten wir doch flugs die Anker Sobald das Glas geleert ist, greif ich mir noch schnell mein Sakko Und weil so viel Verkehr ist: Hätten Sie noch Geld fürs Taxi?“

Nochmal kurz eine Monaco-Franze-Folge vertont. Chateau, äh Chapaeu! Ich geb’s übrigens zu: Russolo musste ich googeln. "Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, sein, sonst nichts, ohne alle Bestimmung und Erfüllung', schrieb Adorno. Und dabei das neue Friedrich-Sunlight-Album hören, möchte man ergänzen.

Heute am Pool, das Telefon klingelt

Claudine Longet nimmt ab. Kurzes Gemurmel. Friedrich: “Was gibt’s?“ Claudine: „Curt Boettcher hat angerufen, er möchte seine Harmonien zurück!“ Jemand legt „Nicht ans Meer“ auf - und Hrundi V. Bakshi schnippst mit den Fingern.

Carsten Friedrichs