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Chaplin

Booker: Marcel Gein

Chaplin - Im Taxi hinter der Tram (VÖ 08.05.2015)

 

Ich will gar nicht wissen, wo die Hohenzollernbrücke ist, hoffentlich gibt es davon mehrere. Und auf jeder steht Dominic Hoffmann und schweißt die scheiß Liebesschlösser auf. Merci und einen Freiheitsnobelpreis dafür! Wir wussten es alle, nur hat sich niemand getraut, es auszusprechen: Liebe ist eines der wenigen Dinge (sofern sie überhaupt ein Ding ist), dessen Schicksal man besser nicht in die Hände der Firma Abus gibt. 

 

Die Band Chaplin wurde von Dominic Hoffmann ins Leben gerufen. Er begann das Musikmachen solo mit Gitarre, von Anfang an unter diesem Namen. Nach mehreren Wohnortwechseln (jetzt aber seit einigen Jahren fest in Berlin), verbunden mit zu- und -aussteigenden Mitmusikern, viel Alleinsein, Tom-Waits-und-Element-of-Crime-Hören, fand Chaplin vor etwa einem Jahr zur aktuellen Besetzung: Dominic Hoffmann (Gesang/Gitarre), Mike Knorpp (Gitarre), Hans Kämmerer (Bass), Jonathan Klein (Piano) und Jens Baumann (Schlagzeug). Zum ersten Mal versteht Dominic das Projekt als richtige Band, mit Musikern, die die Lieder, die er schreibt und ihnen vorschrummelt, verstehen und wissen, sie richtig umzusetzen.


Und jetzt also endlich das Debüt "Im Taxi hinter der Tram".

Amerika, denkt man gleich, aber ein Erfundenes, von einem, der nie da war; Weiten, Ödnis, Möglichkeit, aber nur dieses Gefühl, nicht das Stilgefitzel. Kein latzhosiges Banjo, keine einlullenden Lapsteel-Meere, überhaupt - Muckermanierismen: nicht gesehen. Deren Gegenteil (auch nervig), kokettes Spiel mit Dilletantismus: nichts. Die Band macht Musik, wie es den Liedern am besten steht, nämlich einfach. Akustisch klingendes, in den Keller gestimmtes Schlagzeug, Bass, Gitarren mit Reverb auf 10, Klavier. Die Besetzung variiert kaum, mal ein Rhodes, mal ein Baritonsaxophon. Langsam, traurig, schön.

Das schafft Raum für Dominics rauen Sprech-Singsang, Er phrasiert oft gegen den Rhythmus, weil die Texte das wollen. Trotz 3/4-Takt-Dominanz in der Musik kein Schunkeln, nirgends. Immer hängt man dem Sänger und seinen Geschichten an den Lippen. Es scheint nichts zu passieren, aber man weiß, es passiert etwas!


Die Magie der Texte spielt sich in den Mikroeinheiten der Syntax ab. Was, wenn man nicht genau hinhört, oft nach Sätzen aussieht, aus denen eben Songs so gemacht sind, sind in Wirklichkeit Fragen mit Ausrufezeichen. Ein Beispiel: Dominic singt nicht: „Ich will, dass du bei mir bleibst“, sondern: „Ich will, dass du in meiner Nähe zuhause bist“. Ein Unterschied. Ein unbedingtes Verlangen, das Versprechen zu halten, auf die Widrigkeiten zu scheißen; aber wenn er in eben diesem Song („Weil ich es müde bin zu streiten“) später singt: „Wenn wenn wenn wenn“ und dabei die Abgründe aller Zweierbeziehungen mitsingen, so weiß er auch um das Scheitern. Derselbe Sänger fährt schließlich im Titelsong mit dem Taxi der Tram hinterher, zahlt das Dreifache und kommt später an.


Schön ist, wie lakonisch hier dem Schwermut begegnet wird, das einzig Richtige, denn wenn man weiß, was für ein Witz unsere Ewigkeitsansprüche und Phantasien von Sicherheit sind, kann man auch drüber lachen.